Wallau

 „Die Brigg iwwern Wickerbach“   in der neuen Ländcheshalle

Theatergruppe Wanaloha zeigt, wie ein Bauvorhaben in Wallau vor 180 Jahren umgesetzt wurde

Die Theatergruppe des Heimat- und Geschichtsvereins Wanaloha brachte in diesem Jahr wieder ein selbst geschriebenes Stück mit historischem Hintergrund auf die Bühne. An drei Tagen, am 17., 18. und 19. November wurde das Stück in der neuen Ländcheshalle aufgeführt. Dies war somit die Premiere an Kulturveranstaltungen in der neuen Halle. Wie immer ist das Stück um eine Begebenheit geschrieben, die in der Chronik von Johann Philipp Schleicher überliefert ist. Der Bau der Brücke über den Wickerbach war schon einmal im Jahr 2006 Thema einer Aufführung. Die Version in diesem Jahr ist allerdings neu geschrieben und gekürzt. Sie legt den Schwerpunk nicht auf die verbürgten Details rund um den Brückenbau, vielmehr werden Handlungsstränge erzählt, die sich herleiten lassen aus dem Hinweis in der Chronik, dass viele Wallauer, allen voran der “Scholtes“ (historisch waren es zwei Schultheißen, nämlich zunächst Johann Philipp Schleunes und dann Franz Born) den Bau ablehnten. Rudolf Ewald bemerkte in seiner Begrüßungsansprache, dass man die Rolle des Scholtes auf eine Person reduziert habe, weil „wir uns keinen zweiten Scholtes leisten konnten“.

Somit ist Schultheiß Franz Born eine historische Figur in dem Stück, daneben noch Ortsdiener Wilhelm Koch und der Mahlknecht Georg Erreger, ein Arbeiter „mit Migrationshintergrund“, nämlich aus Österreich. Die anderen Personen tragen Nachnamen, die man heute noch in Wallau findet, kommen in der Chronik aber nicht vor.

Vor Beginn des Spiels erinnerte Spielleiter Rudolf Ewald an Heidrun Brembs, die vor wenigen Wochen verstorben ist. Sie war seit der Gründung des Vereins bis zuletzt immer eine treibende Kraft hinter der Theatergruppe und führte in unnachahmlicher Weise Regie. Sie hat einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der Gruppe geleistet.

Die Geschichte der „Brigg iwwer de Wickerbach“ beginnt im Jahre 1842 im Hause des Mahlknechts Georg Erreger. Das Haus liegt direkt an der Furt durch den Wickerbach, die damals benutzt werden musste, wollte man den Bach überqueren. Dort treffen sich die Hebamme und die Frau des Arztes, zudem die Männer Erreger, Bauer Beil, Bauer Fischer und Ortsdiener Koch. Beils Wagen ist in der Furt stecken geblieben, nur mit Glück ging der Unfall glimpflich aus. Beil und Fischer beschließen, den Bau einer Brücke beim Scholtes zu fordern. Ortsdiener Koch will sie unterstützen, Erreger sagt, er benötige die Brücke nicht. Beil und Koch sind im Gemeinderat, zur Mehrheit benötigen sie noch die Stimmen von Bauer Schleunes oder Bauer Kranz.

Am nächsten Tag vor dem Backes diskutieren Frauen über die Ereignisse. Auch hier sind die Meinungen zum Bau einer Brücke verschieden. Jungbauer Kranz kommt dazu, dann noch Schleunes. Schleunes erzählt, dass Beil versucht hat, ihn vom Bau einer Brücke zu überzeugen. Er sei aber dagegen, und er versucht, Kranz auf seine Seite zu ziehen. Zunächst stimmt Kranz ihm zu. Nachdem Schleunes und die meisten anderen gegangen sind, trifft Kranz aber auf die Bauersfrau Lotte aus Langenhain und ihre Tochter Marie. Beide suchen einen Mann, der sie bei der Leitung ihres Hofes unterstützt. Kranz ist Feuer und Flamme für Marie und malt sich aus, wie er Güter zwischen den beiden Höfen in Wallau und Langenhain transportiert. Sein Fazit: „Her mit de Brigg“.

Vor der Sitzung des Gemeinderates versucht Scholtes Franz Born herauszufinden, was die Gemeinderäte im Schilde führen könnten. Seine Frau bekommt mit Hilfe des Sohnes der Bäckersfrau heraus, dass Beil und Fischer eine Brücke beantragen werden, Schleunes und Koch aber dagegen sind. Der Scholtes geht also davon aus, dass der Vorschlag keine Mehrheit finden wird, was ihm recht ist. Er gibt sich in der Sitzung kooperativ hinsichtlich des Baus, schildert aber in dramatischen Worten die gewaltigen Kosten des Vorhabens. So glaubt er, die Brücke werde in der Abstimmung abgelehnt. Als Kranz zu seiner Überraschung für die Brücke stimmt, wechselt er flugs die Seiten und stellt sich selbst an die Spitze des Bauvorhabens. Nach der Sitzung zeigt ihm seine Frau auf, wie er das nötige Geld zusammenkratzen kann: Erhöhung der Biersteuer bei der Kerb, Erhöhung der Pacht und Mahlgebühr bei der Mühle, höhere Preise für Holz aus dem Wald und höhere Gebühr für die Leistung des „Gemoa-Watz“.

Nach nur einem Jahr Bauzeit wird die Brücke eingeweiht. Vor der Feier finden die Kinder des Dorfes in der Tasche der Frau Doktor zwei Flaschen, die beide die Aufschrift „Rizinusöl“ tragen. Eine Flasche trägt eine Schleife, die sich löst. Die Kinder binden sie versehentlich um die andere Fasche. Frau Doktor erzählt später den Frauen des Dorfes, dass eine Flasche in Wahrheit Kräuterschnaps enthält. Die Frauen genehmigen sich einen tüchtigen Schluck aus der Flasche mit der Schleife, von der sie glauben, dass sie den Schnaps enthält.

Bei der Einweihung hält der Scholtes eine leidenschaftliche Rede. Er schwärmt von der Schönheit und der Stabilität der Brücke, von der er sagt, sie werde auch Fahrzeuge mit weit größeren Lasten tragen, als man sich vorstellen könne. Er sei überzeugt, dass die Brücke „auch noch im nächsten Jahrtausend“ stehen werde. Auch lobt er seine eigene Leistung bei Planung und Durchführung. Schließlich habe er das Bauvorhaben in der geplanten Zeit und ohne Überschreitung der geplanten Kosten umgesetzt. Er hofft, dass dies auch bei allen künftigen Bauwerken in Wallau der Fall sein werde und dass die verantwortlichen Politiker immer das Interesse und das Wohl der Wallauer Bürger im Auge haben mögen. Bei dem Trubel um die durchschlagende Wirkung des Rizinusöls und die einsetzenden Wehen bei Marie verhallen aber seine Worte ungehört.

Die Darsteller zeigten sich in großer Spiellaune, was die Zuschauer an vielen Stellen mit Szenenapplaus belohnten. Immer wieder streuten die Schauspieler humoristische Einlagen oder Anspielungen auf die Gegenwart ein, was für einige Lacher sorgte. Der rhythmische Applaus am Ende des Stückes zeigte, dass es dem Publikum sehr gut gefallen hatte.

Hinzu kam das beeindruckende Ambiente der neuen Halle. Die große Bühne mit der ausgezeichneten Licht- und Tontechnik, alles von der Firma Kyritz hervorragend installiert und an den drei Tagen bedient, trug wesentlich zu dem guten Gesamteindruck bei. Vor dem Stück, in der Pause und nach Ende des Stückes wurden Getränke und Snacks angeboten, so dass Akteure und Zuschauer noch gemeinsam plaudern konnten. Insgesamt ist der Auftritt als Erfolg zu bezeichnen, der geradezu nach weiteren Aufführungen schreit. Man wird im nächsten Jahr sehen, was dann geboten wird.

 

Akteure:

Katharina Stieglitz, Hebamme: Elvira Tröger; Georg Erreger, Mahlknecht: Rudi Mittag; Georg Erreger Junior, Sohn des Mahlknechts: Flynn Hamill; Jakob Fischer, Bauer und Gemeinderat: Werner Klas; Christoph Beil, Bauer und Gemeinderat: Klaus Göller; Martha Beil, Tochter des Christoph Beil: Fiona Hamill; Karoline, Ehefrau des Arztes im Dorf: Gerlinde Ewald; Luischen, Tochter der Arztfrau: Hanna Ewald; Wilhelm Koch, Ortsdiener: Wolfgang Schulz; Franz Born, Schultheiß: Rudolf Ewald; Else Born, Ehefrau des Schultheißen: Doris Schröder; Georg Schleunes, Bauer und Gemeinderat: Marcus Juen; Frieda Schleicher, Bäckersfrau: Wally Vogl; Christian, Sohn der Bäckersfrau: Finley Kleber; Lotte Rübsamen, Bauersfrau aus Langenhain: Elke Limburg; Marie Rübsamen, Tochter von Lotte: Katharina Granzer; Emma Kranz, Mutter des Jungbauern:      Ingrid Venino; Philipp Kranz, Jungbauer und Gemeinderat: Marvin Fischer.

Bilder
Frauen: Ingrid Venino, Wally Vogl, Gerlinde Ewald, Elvira Tröger
Männer: Rudi Mittag, Wolfgang Schulz, Werner Klas, Klaus Göller
Junges Paar: Marvin Fischer, Katharina Granzer
Scholtes und Ehefrau: Rudolf Ewald, Doris Schröder
Schleunes und Kranz: Marcus Juen, Marvin Fischer
Kinder: Finley Kleber, Flynn Hamill, Fiona Hamill, Hanna Ewald

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Bilder alle von www.rudynet.de